Die wirtschaftliche Schizophrenie des Menschen

Die wirtschaftliche Schizophrenie des Menschen

Der Yasuní- Nationalpark in Ecuador und die Erdöljobs

Im Jahr 2007 stellte die ecuadorianische Regierung unter Rafael Correa vor den Vereinen Nationen den bis dahin ambitioniertesten Plan zum Schutz des Planeten vor: die Yasuní- ITT- Initiative (1). Der Nationalpark Yasuní ist einer der artenreichsten Orte unseres Planeten. Die Initiative sah vor, das auf 840 Millionen Barrel geschätzte Erdölvorkommen innerhalb des Nationalparks unter der Erde zu belassen. Dafür sollte Ecuador die Hälfte des entgangenen Umsatzes von etwa 7 Milliarden US-Dollar als Kompensationszahlung erhalten. Für 3,5 Milliarden US-Dollar versprach das Land also, die größte ecuadorianische Erdölreserve unangetastet zu lassen und so einen wertvollen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel zu leisten. Darüber hinaus würden die einzigartige Biodiversität des Nationalparks und die letzten isoliert lebenden Indigenengruppen geschützt.

Ecuador ist das kleinste Mitglied der OPEC und hat keine eigene Währung (der US-Dollar ist das offizielle Zahlungsmittel). Die Wirtschaft des Landes basiert auf dem Abbau und Export von Erdöl, obwohl die Ölpreiskrise dazu geführt hat, dass der Anteil dieses Wirtschaftszweigs an den Staatseinnahmen deutlich zurückgegangen ist. Im ersten Halbjahr 2014 betrug der Anteil 22,1 Prozent. Im ersten Halbjahr 2015 waren es nur noch 10,1 Prozent der Gesamteinnahmen: weniger als die Hälfte des Vorjahresbetrages.

Obwohl viele Beispiele zeigen, welche gravierenden ökologischen, aber auch sozialen Konsequenzen die ungebremste Ausbeutung der natürlichen Ressourcen auf arme Länder hat, entschied Präsident Correa im August 2013, die Yasuní-ITT-Initiative zu stoppen. Dies begründete er unter anderem mit der fehlenden Unterstützung der Industrienationen. Die immer stärker werdenden Proteste versuchte er mit der bereits bekannten Losung „Entwicklung“ in Zaum zu halten.

(1): Benannt nach den drei bei den Probebohrungen entdeckten Ölquellen Ishpingo, Tambococha und Tiputini.

Vom Vorreiter zum schwarzen Schaf

Ecuador wurde so von einem Pionier in Sachen Naturschutz zu einem weiteren Land, das der Armut durch die Ausbeutung der Natur entfliehen will. Von den Konzepten ‚Buen Vivir‘ und ‚Rechte der Natur‘ ging man dazu über, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch noch mehr Ausbeutung zu entkommen. Der Fall Yasuní wird somit zu einem der Beispiele, welche die wirtschaftliche Schizophrenie des Menschen am deutlichsten aufzeigen. Einerseits wird in einer Welt endlicher natürlicher Ressourcen das unkontrollierte Wachstum vorangetrieben. Andererseits wird versucht, den Warnzeichen des Planeten, wie etwa dem Klimawandel, entgegenzutreten.

In Ecuador rechtfertigt man die Fortsetzung – und sogar Ausweitung – des Abbaus von Erdöl und anderen Ressourcen mit dem dringend benötigten Wirtschaftswachstum, welches dazu dienen soll, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Die Regierung versprach unter anderem, in Yasuní Hunderte neuer Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung zu schaffen. Dieser sollte so die Ansiedlung der bekanntermaßen schmutzigen Industrie schmackhaft gemacht werden. Zur Erinnerung: Im Jahr 1993 hatten 30.000 Menschen, unter anderem Indigene und Bäuerinnen und Bauern, gegen das damals ‚Texaco‘ genannte US-Unternehmen Chevron Petroleum Company geklagt. Sie kritisierten die durch das Mineralölunternehmen zwischen 1964 und 1992 verursachte Verschmutzung der Umwelt im ecuadorianischen Amazonasgebiet und die Auswirkungen auf die Menschen. Das Umweltdesaster von Chevron-Texaco gilt als Patricio Chávezas größte nach Tschernobyl: Flüsse und Böden ganzer Landstriche wurden verseucht. Noch heute ist die Krebsrate in den ehemaligen Abbauregionen 10-mal höher als in der Hauptstadt Quito. Statt vernünftige, zukunftsträchtige Arbeitsplätze gewonnen zu haben, hat die betroffene Bevölkerung noch immer mit den vielfältigen Kosten der Katastrophe in den damaligen Abbauregionen zu kämpfen.

Soziale Probleme

Die Erdölförderung im Nationalpark hat kürzlich begonnen. Im März des vergangenen Jahres wurde die erste Erdölquelle erschlossen und auch wenn es noch zu früh ist, die Auswirkungen des Abbaus auf die Umwelt festzustellen, so sieht man bereits die ersten sozialen Folgen.

Gerade durch das Angebot von Arbeitsplätzen hatte man Uneinigkeit unter den indigenen Gruppen gesät. Im Jahr 2014 brauchte das Ministerium für Energie und Bergbau die Zustimmung der Indigenen, um mit den Arbeiten im Nationalparkgebiet zu beginnen. Diese vorherigen Konsultationen sind in Ecuador gesetzlich festgeschrieben, wurden von der indigenen Gemeinschaft aber verweigert. Nach Aussagen der BewohnerInnen Yasunís wurden sie mit der Drohung, niemals einen der entstehenden Arbeitsplätze zu erhalten, „erpresst“. Wer nicht in der Anwesenheitsliste der Konsultationen auftauche, würde bei der Auswahl für die in der ersten Projektphase neu geschaffenen Jobs nicht berücksichtigt. So wurde nicht nur die Gemeinschaft an sich gespalten; auch innerhalb der Familien kam es zu Auseinandersetzungen zwischen BefürworterInnen und Gegner*Innen des Ölabbaus.

Heutzutage trifft man hingegen in fast allen indigenen Gemeinschaften der Region auf die Klage, dass das Versprechen von den Arbeitsplätzen nicht gehalten wurde. Ein Mitglied aus Llanchama – eine kleine Indigenengemeinschaft im Yasuní, die zu den Kichwa gehört – gab an, dass lediglich 2 Personen aus dieser Gemeinschaft für das mit dem Abbau beauftragte, staatliche Unternehmen PetroAmazonas arbeiten würden. Es hatte sich aber über die Hälfte der Gruppe in die Listen eingetragen, um einen Arbeitsplatz zu erhalten.

Finanzielle Probleme

Die bloße Anwesenheit des Erdölkonzerns beeinflusst die Wirtschaft der Gemeinschaften stark. Alle BewohnerInnen versuchen auf die eine oder andere Weise aus dem Unternehmen „Profit zu schlagen“. Viele haben sich bei Finanzinstitutionen oder über Mittelsmänner verschuldet, um Boote mit Außenbordmotoren zu kaufen. Sie hoffen, als Fahrer*Innen für PetroAmazonas oder eines der abhängigen Unternehmen engagiert zu werden. Einige Familien haben es geschafft, als Lebensmittellieferantin beauftragt zu werden. Allerdings müssen sie dann oftmals ihre ältesten Kinder aus der Schule nehmen, damit sie genügend Arbeitskräfte haben, um die Forderungen des Konzerns erfüllen zu können.

Doch die Probleme gehen noch weiter. Im Jahr 2014 gab ARB Ecuador – ein Unternehmen, das von PetroAmazonas mit dem Bau einer Pipeline beauftragt wurde – bekannt, dass es in „wirtschaftlichen Schwierigkeiten“ stecke, und stellte die Zahlungen an alle seine Subunternehmer ein. Dies betraf über 50 Personen aus den Kichwa-Gemeinschaften der Chiroisla, Sinchi Chikta, San Vicente und Samona. Die ehemals Beschäftigten gaben an, dass man ihnen mehrere Monate Gehalt schulde: Ausfälle, für die weder ARB Ecuador noch PetroAmazonas aufkommen, noch sonst eine Lösung anbieten wollen. Es ist äußerst bedauerlich, dass diese Art von Konflikten mit dem Fortschreiten der großen Abbauvorhaben immer wieder aufkommen wird.

Strukturelle Probleme

Nach dem ‚Bericht zur Arbeitsökonomik‘ des Nationalen Statistikinstituts INEC vom März 2016 liegt das Beschäftigungsniveau in den Städten bei 48,6 Prozent, während im ländlichen Raum lediglich 22,4 Prozent der Erwerbsbevölkerung eine Patricio Chávezr Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Dieser Unterschied ist umso frappierender, wenn man in Betracht zieht, dass ja gerade im ländlichen Raum die großen Vorhaben des Ressourcenabbaus Ecuadors umgesetzt werden. Außerdem bleibt zu bedenken, dass entgegen der staatlichen Propaganda Großprojekte im Bereich Bodenschätze oder Infrastruktur keine langfristigen Arbeitsplätze schaffen. Ein Großteil der Arbeitskräfte wird nur während der ersten Projektphase für die Erschließung von Lagern, Straßen, Autobahnen und ähnlichem benötigt. Diese zumeist unqualifizierten ArbeiterInnen werden dann entlassen und es gibt keine staatliche Unterstützung bei der Suche nach langfristigen Beschäftigungsmöglichkeiten. Kleinere und deutlich nachhaltigere Unternehmungen, etwa im Bereich des ökologischen Tourismus, wurden von staatlicher Seite zugunsten der Angebote der großen Konzerne für die Ressourcenausbeutung aufgegeben.

Patricio Chávez

  • Der Autor ist studierter Politikwissenschaftler und Soziologe sowie Sprecher der sozial-ökologischen Bewegung YASunidos und Mitglied der NGO Acción Ecológica in Ecuador.
  • Aus dem Englischen von Lina Gerstmeyer.
  • Zuerst erschienen im Rundbrief Forum Umwelt und Entwicklung 2/2017: 20-21.
  • Die gesamte Ausgabe des Rundbriefs zum Schwerpunktthema Arbeitsplätze: hier

Trotz der verheerenden Umstände vor Ort lässt sich die YASunidos Bewegung nicht so leicht unterkriegen und wird sich weiterhin umso mehr für den Schutz des Nationalparks und dessen Anwohner einsetzen. Das Team von Sukuma arts e.V. wird euch auf dem Laufenden halten.

Headerfoto: Patricio Chávez

Glückshormone auf der Buen Vivir Konferenz in München

Glückshormone auf der Buen Vivir Konferenz in München

Am 26. und 27. Juni 2017 richtete die Stadt München in der „Alten Kongresshalle“ eine spannende Buen Vivir Konferenz aus.

Buen Vivir („Gutes Leben“) ist ein indigen geprägtes Konzept, das seit 2008 in der ecuadorianischen Verfassung verankert ist. Dabei geht es einerseits um das Recht Aller auf ein Gutes Leben und andererseits um das Recht der Natur auf ihren Schutz und Regeneration. Diskriminierung und Benachteiligung der indigenen Bevölkerung, sowie naturschädigende Aktivitäten im Erdöl- und Bergbausektor sind mit dem Konzept vom Guten Leben natürlich nicht zu vereinbaren. Die YASunidos sowie die Sukumer@s setzen sich mit dem Buen Vivir für ein Gesellschaftskonzept ein, das das Leben in Harmonie mit der Natur und den Mitmenschen ins Zentrum stellt und nicht den Profit von Unternehmen.

Sechs Personen sitzen an einem runden Tisch und diskutieren.
Vertreter*innen von YASunidos Deutschland mit Esperanza (Vordergrund) und Alberto aus Ecuador (hinten rechts)

Alberto Acosta, der sich schon als Minister, Mitbegründer der bekannten Yasuní-ITT Initiative und Leiter der verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador für die bedingungslose Umsetzung eines Buen Vivir stark machte, lieferte auf der Konferenz ebenso spannende Beiträge. Vor Ort war auch Esperanza Martinez, Vorsitzende von Acción Ecológica, einer der wichtigsten Umwelt-NGOs Ecuadors und wichtiger Bestandteil der YASunidos-Bewegung. Wir von den YASunidos Deutschland, trafen uns mit beiden im Vorfeld, um uns über die Pläne der YASunidos in Ecuador auszutauschen und gemeinsame Projektideen zu besprechen. Zudem stellte Stefan Golla, ebenfalls Teil von YASunidos Deutschland, seine Studie „The End of Oil – Eine Energiestudie für ein nachhaltiges Ecuador“ im Rahmen eines Workshops auf der Konferenz vor.

Ein weiterer beeindruckender Vertreter aus Ecuador war Felix Santi, Präsident der indigenen Kichwa-Gemeinde in Sarayaku. Bekannt wurde die Gemeinde durch ihren Widerstand gegen die Erdölförderung in ihrem Territorium inmitten des Regenwaldes. Den damit verbundenen Gerichtsprozess vor dem interamerikanischen Gerichtshof gewannen die Sarayakus gegen den ecuadorianischen Staat. Ihre Vorstellung vom „lebendigen Wald“ als eine gelebte Ausdrucksform des Buen Vivir, stellte Felix Santi schon 2015 auf der internationalen Klimakonferenz COP 21 in Paris als Klimaschutzkonzept vor.

Teilnehmer einer Musikparade laufen fröhlich auf der Straße.
Die Silent Parade in München

Prof. Ulrich Brand und Prof. Stephan Lessenich aus Deutschland diskutierten, wie es in verschiedenen Lebenskontexten möglich ist, ein Gutes Leben für alle zu garantieren. Einig waren sich alle, dass beim Gutes Leben auch die Befriedigung von Grundbedürfnissen, Gerechtigkeit und Sicherheit sowie Glück als Empfindung eine wichtige Rolle spielen. Diese Kategorien sind nicht vordergründig als individuelle Kategorien gedacht, sondern beziehen sich im Sinne des Buen Vivir besonders auf gemeinschaftlich gelebte Lebensformen.

Neben Vorträgen, Workshops, Diskussionsrunden, Filmen und einem Konzert gab es eine Silent Parade: Mit Musik aus Kopfhörern zogen die Teilnehmenden tanzend durch die Straßen Münchens und feierten das Gute Leben. Mit den freigesetzten Glückshormonen steckten sie auch unbeteiligte Münchner*innen an.

  • Mitschnitte, Berichte und Fotos der Konferenz: hier.

Headerfoto: Liz Guadalupe Muñoz Hilares / wernerimages – fotolia.com